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Die Wälder der tropischen Anden
Ein Juwel der Natur - Schutzprogramm Ost-Anden
Die Biologin Antje Müllner leitet das Referat Asien & Lateinamerika der ZGF. Im Sommer 2004 bereiste sie mit den Projektleitern die Ostanden-Region Perus

Die Wälder der tropischen Anden bezaubern durch einen unermesslichen Artenreichtum auf kleiner Fläche.

Sie prägen den Ostabhang des gewaltigen Gebirges, das sich von Venezuela bis Chile nordsüdwärts erstreckt. Ein Juwel der Natur und seit vielen Jahren Projektgebiet der ZGF. Aus mehreren Einzelprojekten wurde mittlerweile das Regenwaldschutzprogramm Ost-Anden.

Wir stehen etwa 40 Meter über dem Boden auf einer schwankenden Aussichtsplattform, gebaut in einen Regenwaldbaum an der Abbruchkante des ehemaligen Flussbettes des Madre de Dios. Unter uns ein amazonischer Palmensumpf. Aras fliegen kreischend herum und rotbraun schimmernde Brüllaffen turnen in den Bäumen. Ich genieße Waldstimmen, die ich schon lange nicht mehr gehört habe, und mein Schreibtisch in Frankfurt scheint weit, weit weg zu sein. Nach Osten erstreckt sich endlos das Amazonastiefland. Kein Berg steht mehr zwischen uns und dem 3.000 Kilometer entfernten Atlantik. Eher träge überwinden die Flüsse diese große Distanz, denn nur noch 300 Höhenmeter trennen sie vom Meer. Wir befinden uns hier am Rand des Manu Nationalparks in Peru, am westlichen Ausläufer des Amazonastieflands, das mit allen Zuflüssen das größte Süßwassereinzugsgebiet der Welt bildet - sieben Millionen Quadratkilometer.

Mein Blick schweift nach Süden, wo man am Ende des großen Sumpfs den breiten Fluss erahnen kann, und bleibt im Südwesten an weißen Zacken hängen. Erst denke ich an eine Täuschung, eine Wolke, die sich dort spitz über dem Horizont auftürmt. Nein, hat sich der Blick erst mal daran gewöhnt, erkennt man in der Ferne eindeutig die Konturen von schneebedeckten Gipfeln. Es muss das Vilcanota Massiv sein, in dem der Madre de Dios entspringt, und das mit dem knapp 6.400 Meter hohen Nuevo Ausangate einen der höchsten Berge von Peru stellt. Es mutet seltsam an: Während uns hier das verschwitzte Hemd am Körper klebt und wir von Moskitos umschwirrt werden, herrscht nur 170 Kilometer Luftlinie von uns entfernt das ewige Eis. Dazwischen ein steiler Anstieg, der auf kleiner Fläche viele verschiedene Klima- und Vegetationszonen schafft. Tieflandwald am Fuße der Anden, darüber submontane Wälder und Bergwälder, niedrige nebelverhangene Elfenwälder und ganz oben frostiger Paramo.

Jede Höhenstufe birgt ihre eigenen Schätze. Jaguare durchstreifen die unteren Zonen, die meist vegetarischen Brillenbären suchen im Bergwald nach Bromelien und der majestätische Kondor späht auf den freien Hochflächen nach Aas. Die besonderen Juwelen sind aber oft kleinere Lebewesen: Viele Orchideen, Vögel oder Insektenarten sind endemisch, d.h. kommen nur in einem bestimmten Gebiet der Anden und nirgendwo sonst auf der Welt vor.

Da sich die Wälder der Berge innerhalb eines Höhengradienten erstrecken, also von niedrigen zu höheren Regionen, beherbergen sie in der Regel auf kleiner Fläche weitaus mehr Arten als Tieflandregenwälder. Forscher zählten beispielsweise im Podocarpus Nationalpark in Südecuador auf einer Fläche von nur 140.000 Hektar rund 4.000 Pflanzenarten. Das sind 900 Arten mehr als im gesamten Amazonasregenwald mit seinen vielen Millionen Hektar. Diese besondere Vielfalt hat verschiedene Gründe. Zum einen ist die Isolation vieler Berge während der letzten Eiszeit dafür verantwortlich, dass sich neue Arten entwickelten. Zum anderen sorgt der Wechsel von trockenen Bergrücken zu feuchten Schluchten für eine Bandbreite von ökologischen Nischen im Bergwald, die wiederum speziell angepassten Arten Lebensraum bietet. Hinzukommt, dass die Steilheit der Hänge häufig zu natürlichen Rutschungen führt. Auf diesen Flächen siedeln sich Pionierpflanzen und im Schlepptau Tiere an. Über Jahrzehnte hinweg verändert die wieder zuwachsende Fläche ihr Gesicht und damit auch ihr reiches Artenspektrum.

Die lange und schmale Gebirgskette der Anden macht weniger als ein Prozent der weltweiten Landfläche aus, beherbergt aber rund 15 Prozent aller Pflanzenarten. Alle tropischen Andenländer nennen sich "país megadiverso", megadiverses Land, und es ist schwer zu sagen, wem nun der Spitzenplatz gebührt, zumal viele der lebenden Schätze für Wissenschaft noch gar nicht beschrieben sind. Sicher ist jedoch, dass die Anden eine herausragende Rolle für diese Megadiversität spielen, die weltweit wohl nur von Bergen in Zentralafrika und Südostasien erreicht werden kann. Aber auch als Wassereinzugsgebiet vieler wichtiger Flüsse haben die Anden eine globale ökologische Bedeutung. Die meisten Flüsse der Amazonaswälder entspringen hier.

Die teilweise sehr fruchtbaren vulkanischen Böden der Anden haben schon früh Siedler angezogen. In den Flusstälern, aber auch an Hängen wurde bereits vor den Inkas eine intensive landwirtschaftliche Nutzung betrieben. Wälder wurden abgeholzt und Tiere gejagt. Aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm die Zerstörung rapide zu. 1970 begann sich die Zoologische Gesellschaft Frankfurt in den Andenländern Peru und Bolivien zu engagieren. Damals ging es um den Schutz der Vicuñas (Lama vicugna), den wilden Verwandten der Lamas, die in den Hochlagen der Anden leben und durch Jagd in ihrem Bestand stark geschrumpft waren. Die ZGF finanzierte Wildhüter und Kontrollposten für die Reserva Nacional Pampa Galeras. Das Vicuña-Projekt wurde ein großer Erfolg und 1973 konnte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gewonnen werden, das Projekt zu übernehmen.

Heute ist die Vicuña Population in Pampas Galeras eine der wichtigsten und stabilsten in Südamerika geworden. Der damalige Projektleiter Dr. Rudolf Hofmann arbeitete an der Universität La Molina in Lima, um einen neuen Studiengang Forst- und Wildtierbewirtschaftung einzurichten.

Im Rahmen von Exkursionen Hofmanns ins amazonische Tiefland wurde zu Beginn der 70er Jahre mit Mitteln der ZGF im gerade neu ausgerufenen Manu Nationalpark die kleine Forschungsstation Cocha Cashu gegründet. Unterstützt durch die ZGF hat z.B. der Deutsche Kai Otte dort seine Diplomarbeit über Mohrenkaimane durchgeführt. Damals war das Washingtoner Artenschutzabkommen noch nicht verabschiedet und die Jagd auf Kaimane stellte eine der Hauptursachen für den rasanten Rückgang ihrer Bestände dar. Auch illegaler Holzeinschlag war in den ersten Jahren des Parks eine ständige Bedrohung. Die ZGF half hier beim Bau eines Rangerpostens und bei Rangerschulungen.

Auch in den Anden Ecuadors engagierte sich die ZGF: Ende der 70er Jahre finanzierte die ZGF die Erforschung des Vulkanmassivs Antisana an der Ostseite der Anden. Diese Arbeiten von Juan Black Maldonado, mit dem die ZGF schon auf Galapagos gut zusammengearbeitet hatte und der als einer der Väter des Naturschutzes in Ecuador gilt, legten den Grundstein für die spätere Ausweisung der Reserva Ecológica Antisana.

In den 1980er Jahren, als sich der Leuchtende Pfad zu einer der stärksten Guerillabewegungen Lateinamerikas entwickelte, wurde es in der ZGF ruhig um Peru, bis dann 1990 Elke Staib und Christof Schenck im Manu Nationalpark ihre Feldarbeiten über Riesenotter (Pteronurus brasiliensis) begannen. Was als Forschungsarbeit über eine stark bedrohte Art begann, wurde im Laufe der Zeit ein Naturschutzprojekt, das sich neben regelmäßigen Zählungen der Otter sowohl der Rangerausbildung als auch der Umweltbildung und dem Tourismusmanagement widmete. Die guten Beziehungen zur Parkverwaltung trugen Früchte und viele Empfehlungen, die sich aus den Otter-Untersuchungen ergeben hatten, wurden nach und nach im Management des Manu Nationalparks und in den später eingerichteten Schutzgebieten Tambopata und Bahuaja- Sonene umgesetzt. Seit 1998 führen das Ehepaar Jessica Groendendijk und Frank Hajek das Otterprojekt weiter. Sie weiteten die Freilandarbeiten aus. Es gelang ihnen zusätzlich ein Riesenotter-Netzwerk aufzubauen, das alle sechs südamerikanischen Länder umfasst, in denen Riesenotter vorkommen.

Aufbauend auf den Erfolgen des Riesenotterprojektes rief die ZGF im Jahre 2002 in Peru das Regenwaldschutzprogramm Ost-Anden ins Leben. Es wird ebenfalls von Jessica Groenendijk und Frank Hajek geleitet. Hintergrund ist der Beschluss der ZGF, den Ost-Abhang der Anden im tropischen Südamerika als neues Schwerpunktgebiet der Naturschutzarbeit in Lateinamerika zu wählen.

Mehrere Gründe sprechen für ein umfassendes Schutzprogramm Ost-Anden

1. Die tropischen Anden gehören zu den biologisch vielfältigsten Gebieten der Welt, sowohl in Bezug auf Artenzahlen als auch auf die Verschiedenheit der Lebensräume.

2. In fast allen Andenländern wurden seit den 70er Jahren große Schutzgebiete eingerichtet. Dies zeigt, dass die Regierungen sich ihrer Verantwortung bewusst sind und einen Beitrag zum lokalen und globalen Naturschutz leisten wollen. Die Größe der Gebiete garantiert zudem eine natürliche Dynamik, die als wichtiger Motor für die Erhaltung der Diversität angesehen wird und auf der Welt nur noch selten zu finden ist.

3. Im Vergleich zu anderen Regionen der Welt, z.B. Asien, ist der Bevölkerungsdruck moderat und das Potenzial scheint gut, ein großes Schutzgebiet langfristig erhalten zu können. Zumindest gilt das dort, wo nicht Bodenschätze wie Erdöl oder Erdgas massive Wirtschaftsinteressen ins Spiel bringen.

4. In Südamerika tragen und verbreiten viele Menschen den Naturschutzgedanken. Außerdem gibt es sowohl in den Naturschutzbehörden als auch in den Nicht-Regierungs-Organisationen exzellent ausgebildete und engagierte nationale Mitarbeiter. Dies ist eine Grundlage für die Nachhaltigkeit der ZGF-Arbeit.

Nach einer langsamen Anlaufphase kam das Programm Ost-Anden im letzten Jahr richtig in Schwung. Der Kern der ZGF-Arbeit ist die Stärkung der Schutzgebiete im Regierungsbezirk Madre de Dios. Monitoring, Tourismusmanagement und Umweltbildung sind begleitende Aktivitäten. So helfen wir Rangerposten zu bauen, Ranger aus- und weiterzubilden, und sie so auszurüsten, dass sie auch ordentlich arbeiten können.

Wir entwickeln derzeit eine Strategie zur Wartung von Infrastruktur und Ausrüstung, ein heikler und oft vernachlässigter Punkt. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Naturschutzdaten der Universität La Molina setzen wir Satellitenbildauswertung ein, um den Waldzustand von schwer zugänglichen Flächen einzuschätzen und einen Blick für die gesamte Region zu bekommen. Mit Gemeinden und Tourismusagenturen handeln wir Nutzungspläne für die touristisch stark frequentierten Altarme der Flüsse aus, in denen neben der Besucherlenkung auch absolute Ruhezonen für Tiere geregelt werden. ZGF Mitarbeiter besuchen Schulklasse, organisieren Ausflüge und sorgen dafür, dass Umweltbildung auch Bestandteil der Arbeit der Verwaltung der Reserva Tambopata wird. Auch das Riesenotterprojekt mit regelmäßigen Zählungen und dem Kinderprogramm "Pepe, der Riesenotter" läuft weiter. Der wichtigste Partner der ZGF sind die lokalen Parkverwaltungen sowie die INRENA Behörde in Lima, mit der 2003 ein Abkommen abgeschlossen wurde, das die Zusammenarbeit mit der ZGF vertraglich regelt.

Wie wird es weitergehen?
Wir wollen unseren Einsatz am Fuß und Abhang der Anden konsolidieren und ausweiten. Möglich ist ein Einbezug des Madidi und Manuripi Nationalparks auf bolivianischer Seite. Der neue Alto Purús Park steht bisher vor allem noch auf dem Papier und bedarf ebenfalls der Unterstützung. Die fantastischen Schutzgebiete am Treffpunkt von Anden und Amazonas werden das Kernstück unserer Arbeit bleiben. Sie sind genau die Art von Wildnisgebieten, für deren Erhaltung die ZGF sich weltweit einsetzt und für die der Naturschutz im Namen des Gorillas steht.
Die Anden
Die Anden















Der Amazonas































Das ZGF Boot
Das ZGF Boot



























Aussichtspunkt
Aktualisierung 10.11.2005